Wer heute Software baut, die Daten verarbeitet, Geld bewegt, Kunden begeistert oder wesentliche Entscheidungen unterstützt, ist längst schon Software-Architekt/in — implizit im Denken. Fragen, wie man ein Softwaresystem sinnvoll strukturiert, gehören ganz einfach zum Alltag. Warum aber sollte man Software-Architektur als eigenständige Disziplin betrachten?
Folgende Gründe sprechen dafür:
1. Architektonische Entscheidungen werden bereits getroffen – ob man sie so nennt oder nicht
Grenzen, Zugriffsregeln, Datenflüsse und Kontrollmechanismen werden täglich festgelegt. Diese Entscheidungen formen die Architektur eines Systems unabhängig davon, ob sie explizit benannt oder dokumentiert werden. Die eigentliche Frage ist nicht, ob Architektur existiert, sondern ob sie bewusst gestaltet oder implizit hingenommen wird.
2. Systeme wachsen schneller als gemeinsames Verständnis
Automatisierung und (Agenten-basierte) Generierung beschleunigen Entwicklung erheblich. Gemeinsames Verständnis aller Team-Mitglieder wächst nicht im gleichen Tempo. Systeme verteilen sich über Teams, Domänen und Integrationen, lange bevor sich ein tragfähiges gemeinsames Bild ihrer Struktur etabliert hat. Architektur wird damit zum zentralen Mittel, um Verständigung über Systeme hinweg überhaupt noch zu ermöglichen.
3. Mit generativer KI lässt sich Systemverhalten nicht mehr allein aus dem Code erklären
Sobald generative KI Teil eines Systems ist, entsteht Verhalten nicht mehr ausschließlich aus Code, Kontrollflüssen und Konfiguration. Entscheidend wird, wie probabilistische Komponenten eingebettet, eingegrenzt und mit den deterministischen Teilen des Systems verbunden sind. Architektur bestimmt, welche Entscheidungen strukturell abgesichert sind – und welche an Systeme delegiert werden, die nicht mehr vollständig vorhersehbar arbeiten.

4. Die wichtigsten Entscheidungen werden nicht mehr im Code getroffen
Die folgenreichsten Entscheidungen liegen heute selten in einzelnen Implementierungen. Sie entstehen an Systemgrenzen, zwischen autonomen und kontrollierten Teilen, zwischen probabilistischem und deterministischem Verhalten. Dort wird entschieden, wie Risiken verteilt, Verantwortlichkeiten gezogen und Systemverhalten begrenzt wird. Das sind architektonische Entscheidungen.
5. Verantwortung deckt sich immer seltener mit der Systemstruktur
Je komplexer Systeme werden, und je mehr KI diese Komplexität steigert, desto häufiger fallen technische Struktur, organisatorische Zuständigkeit und fachliche Verantwortung auseinander. Entscheidungen in einem Teil des Systems haben Auswirkungen an anderer Stelle, ohne dass Verantwortung klar zugeordnet ist. Architektur ist der Ort, an dem Verantwortung wieder mit Struktur in Beziehung gesetzt wird.
6. KI-Integration erfordert eine Vielzahl neuer architektonischer Entscheidungen
KI ist kein Monolith, sondern zieht eine Reihe konkreter Fragen nach sich: Wo läuft das Modell – als Cloud-API, lokal eingebettet oder hybrid? Wie werden Prompts verwaltet, versioniert und getestet? Wie geht das System mit nicht-deterministischem Output um – durch Validierung, Fallbacks oder Retry-Logik? Wie werden Privacy, Compliance und Data Governance gewährleistet? Anders als bei etablierten Technologien gibt es hier noch wenig bewährte Muster – was strukturiertes architektonisches Denken und eine gemeinsame Entscheidungssprache umso notwendiger macht.
7. Wer Architektur beherrscht, behält die Gestaltungshoheit – trotz und mit KI
Wer Software-Architektur beherrscht, wird in zunehmend automatisierten Entwicklungsumgebungen nicht ersetzbar, sondern unverzichtbar. Während KI Code generiert, Features beschleunigt und Implementierungen übernimmt, braucht es jemanden, der Systemverantwortung trägt: der Business-Intent in Struktur übersetzt, Drift erkennt und korrigiert, Qualitätsziele gegen kurzfristige Velocity-Gewinne verteidigt. Diese Rolle fällt nicht automatisch jemandem zu – sie muss durch erlerntes Handwerk und bewusste Positionierung aktiv eingenommen werden.
Software-Architektur als Disziplin
Software-Architektur als erlenbare Disziplin verstanden, bedeutet, über einen Werkzeugkasten zu verfügen, der gemeinsame Begriffe, bewährte Methoden, etablierte Standards und nachvollziehbare Vorgehensweisen enthält. Den Gebrauch dieser Werkzeuge vermittelt das Software Architecture Camp Fondation Flexible. Es basiert auf dem CPSA®-Foundation-Curriculum der iSAQB® und versteht Software-Architektur nicht als Sammlung von Best Practices, sondern als erlernbare professionelle Disziplin mit klaren Arbeitsfeldern.

Anforderungen und Randbedingungen klären
Teilnehmende lernen, funktionale und insbesondere Qualitätsanforderungen systematisch zu erfassen, Zielkonflikte sichtbar zu machen und organisatorische, rechtliche sowie technische Rahmenbedingungen explizit in architektonische Entscheidungen einzubeziehen.
Architekturen entwerfen und weiterentwickeln
Der Fokus liegt auf bewussten Strukturentscheidungen: Zerlegung von Systemen, Definition von Komponenten und Schnittstellen, Umgang mit Abhängigkeiten und Querschnittsthemen. Software-Architektur wird als fortlaufende Gestaltungsaufgabe verstanden, nicht als einmaliger Entwurf.
Architektur beschreiben und kommunizieren
Architektur wirkt nur, wenn sie verstanden wird. Deshalb geht es um geeignete Sichten, Dokumentation und Begründung von Entscheidungen – angepasst an unterschiedliche Stakeholder und mit klarer Trennung von Entscheidung, Begründung und Konsequenz.
Architekturen analysieren und bewerten
Teilnehmende arbeiten mit etablierten Verfahren zur Bewertung von Architekturen hinsichtlich Risiken, Qualitätszielen und Konsistenz. Architektur wird überprüfbar – nicht im Sinne von Kontrolle, sondern im Sinne professioneller Verantwortung.
Was ist besonders am Flexible-Konzept?
Foundation Flexible ist so aufgebaut, dass Lernen parallel zur Projektarbeit funktioniert, ohne diese zu stören. Im Rahmen der Remote-Fortbildung arbeiten die Teilnehmenden über vier Wochen hinweg im eigenen Tempo mit den Inhalten und bereiten sich gezielt auf wöchentliche Gespräche mit dem Trainer vor. Diese Termine sind keine Vorträge, sondern Arbeitsgespräche – fokussiert auf konkrete Fragestellungen, Entscheidungen und Erfahrungen aus der Praxis.
Links & Literatur
[1] https://software-architecture-camp.de/software-architecture-camp-foundation-flexible/
[2] iSAQB® Foundation-Lehrplan.